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  LESEPROBE  
  VORWORT  
 

von Günter M. Ziegler

Professor für Diskrete Geometrie, TU Berlin

Leiter des Medienbüros der Deutschen Mathematiker-Vereinigung

 

Wer, wie ich, in München an der S-Bahn-Hauptstrecke aufgewachsen ist, der glaubt erst einmal, alle wichtigen Punkte seiner Stadt reihten sich eindimensional entlang der Perlenkette der S-Bahnhöfe auf - Ostbahnhof, Rosenheimer Platz, Isartor, Marienplatz, Stachus, Hauptbahnhof.

1992 zog ich nach Berlin, erkundete die neue Stadt zu Fuß und mit dem Fahrrad, orientierte mich am Netz der Straßen und Fahrradwege und hielt Berlin für so zweidimensional wie den Stadtplan, der mich begleitete.

Seit 1995 habe ich ein Büro im sechsten Stock des Mathematikgebäudes der Technischen Universität Berlin, ein Zimmer mit Weitblick, für den besonders die Höhe sorgt, also die dritte Dimension. Von dort aus habe ich Aussicht über die Dächer nach Osten, werfe immer wieder mal einen schnellen Blick zum Fernsehturm am Alexanderplatz - schnell, weil die Zeit, die vierte Dimension, so knapp ist.

Ich betreibe Geometrie, hoch-dimensionale Geometrie. Statt den Blick in Ruhe über die Dächer schweifen zu lassen und die alltäglichen drei Raumdimensionen zu genießen, kritzle ich mit einem Bleistift auf Karopapier, verzweifle an der Geometrie der fünften Dimension und trinke zu viel Kaffee.

 

Habe ich dabei bislang etwas übersehen? Etwas, das Katharina Greve uns mit ihrer Geschichte von Franz Fink, dem Fahrstuhlführer, aus dem geheimnisvollen Inneren des Fernsehturms erzählt? Fest steht: Sie zeigt, auf welch vielfältige, überraschende und ziemlich bestürzende Weise die Geometrie unser Leben bestimmt und umklammert. Überraschend auch für mich, den professionellen Geometer, und bestürzend durchaus im wörtlichen Sinne, in dem das "Stürzen" bereits enthalten ist. Und sie eröffnet einen ganz neuen Blick auf den Fernsehturm am Alexanderplatz, der ja aus der Entfernung so vertikal-eindimensional erscheint.

Aber auch das Leben bestimmt die Geometrie des Raums, das ist eine späte Einsicht Albert Einsteins in seiner Allgemeinen Relativitätstheorie. Ein Quäntchen dieser Idee findet sich in der Geschichte wieder.

Einstein hat den Nobelpreis bekommen, Katharina Greve wünsche ich für ihr erstes Buch Ähnliches – und viele Leser mit Freude an ihrer Geometrie und ihrem Blick auf das gelegentlich etwas beengte Leben.

 
     
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